Drei Aspekte zur Mitgliedschaftsdebatte in unserer Kirche

 

 

  1. Der Austritt: Es geht doch (allein?) ums Geld.

  2. Die Bindung ist doch viel größer als wir denken.

  3. Miteinander machen (lassen) ermöglichen

Wie viele Untersuchungen gibt es eigentlich schon, die das Austrittsverhalten von Menschen aus ihrer Kirche zum Gegenstand haben? Die Frage hat nicht erst seit der sogenannten Freiburger Studie an Relevanz gewonnen, aber spätestens ab deren Veröffentlichungszeitpunkt  bewegt die Frage nach einer (effektiven) Mitgliederbindung fast alle Reformbemühungen in beiden großen christlichen Konfessionen. Im Folgenden möchte ich gespeist aus Umfragen, aber auch statistischen Daten drei Aspekte in die Debatte eintragen[1].

 

  1. Der Austritt: Es geht doch (allein?) ums Geld

Der Befund ist aufgrund des nachlesbaren Zahlenmaterials eindeutig und in seiner aufgezeigten Dimension zugleich auf den ersten Blick kaum nachvollziehbar, ja, kaum zu glauben.

In Basel-Stadt sind im Jahr 2019  487 mal mehr Menschen aus der Kirche ausgetreten als in Genf.

In absoluten Zahlen ausgedrückt haben in Basel-Stadt 1208[2] Menschen die katholischen Kirche per Austritt verlassen, in Genf im selben Jahr ganze 21.

 

Noch verwirrender wirken diese Zahlen, wenn man weiß, dass es in Basel knapp unter 25.000 katholische Christen[3] gegeben hat, in Genf aber rund 220.000.

 

Nein, das ist kein Schreibfehler und hier ist auch keine Verwechslung passiert. Obwohl in Genf im Vergleich zu Basel fast 9mal so viele katholische Christen wohnen ist die Zahl der Austritte fast gegen null gehend. In Basel dagegen sind in nur einem Jahr fast 5% der Kirchenmitglieder ausgetreten, eine auch prozentual erschreckend hohe Zahl.

 

In der Auswertung des SPI, Schweizerisches Pastoraltheologisches Institut, werden beide Städte auf einen Nenner gebracht so miteinander verglichen:

Genf: Austritte pro 1000 Mitglieder:     0,1

Basel: Austritte pro 1000 Mitglieder: 48,74

 

Ja, es ist tatsächlich so: In Basel treten 487mal mehr Menschen aus der katholischen Kirche aus als in Genf.

 

Warum ist dies so?

Eine dort aufgeführte Umfrage unter Ausgetretenen aus dem Jahre 2014 wird vom SPI so zusammengefasst und gedeutet: „Die Gründe, aus der Kirche auszutreten sind vielfältig. Die wichtigsten Gründe sind fehlender/verlorener Glaube, die öffentlichen Stellungsnahmen der Religionsgemeinschaften und “andere” Gründe. Dabei zeigen sich Unterschiede zwischen den Alterskategorien. Während jüngere Menschen angeben, keinen Glauben zu haben oder diesen verloren hat, geben Menschen zwischen 40 und 75 Jahre an, dass sie mit den öffentlichen Stellungnahmen ihrer Religionsgemeinschaft unzufrieden waren“[4]. Nur rund 10% der Befragten gaben laut dieser Umfrage übrigens als Grund an: „um Steuern oder finanzielle Beiträge zu vermeiden“.

 

Erklärbar wird der Unterschied in den Austrittszahl aber nur genau dadurch: Während man in Basel nämlich um die Kirchensteuer als Mitglied nicht herumkommt, ist in allen Kantonen der Schweiz, in denen entweder gar keine Kirchensteuer erhoben wird oder sie fakultativ ist, d.h. eine Beitragszahlung im Ermessen des Einzelnen liegt, die Austrittszahl signifikant niedrig bis fast nicht vorhanden. Genf und Basel stellen nur die, wenn man so will, extremen Pole dar, die Tendenz ist aber durchgängig gleich. Jenseits der Erhebungen durch Umfragen muss man die Mutmaßung der Autoren des Artikels deutlich unterstreichen: „Diese unterschiedlichen Finanzierungssysteme dürften sich auch auf die Austrittswahrscheinlichkeit auswirken und den Unterschied zu den Kantonen mit Kirchensteuern miterklären: Während man in den Kantonen mit Kirchensteuern diesen Betrag bei einem Austritt einspart, ist der ökonomische Anreiz für einen Kirchenaustritt in den Kantonen Waadt, Neuenburg, Genf, Tessin und Wallis klein.“  

 

Dieser Befund macht deutlich:

  • Die Gründe, die von Ausgetretenen genannt werden, sind mit Vorsicht zu genießen, zumindest von ihrer Gewichtung her. Es ist nicht plausibel, dass in Basel der Glaube in einem so viel höheren Maß verloren gehen soll als in Genf. Es ist auch nicht plausibel, dass Kirchenmitglieder in Basel so unzufrieden mit ihrer katholischen Kirche sind und deswegen austreten und in Genf umgekehrt alle so glücklich mit ihrer katholischen Kirche sind, dass praktisch niemand deswegen austritt. Die Selbstauskünfte unterscheiden sich vom realen Verhalten eklatant.

  • „It's the economy, stupid“ gab der Wahlkampfstratege von Bill Clinton,  James Carville, 1992 aus und hatte offenbar Recht[5]. Abgewandelt auf den Befund aus der Schweiz müsste man sagen: Es geht ums Geld. Wenn es finanziell keinen Nachteil bringt, wenn es nichts kostet, dann muss man auch nicht austreten, dann tritt man auch nicht aus, egal wie sehr man glaubt (oder auch nicht), egal wie sehr man sich über Erklärungen von Kirchenleitungen ärgert (oder auch nicht). Es geht ums Geld! Wenn man (viel) zwangsweise bezahlen muss, ist die Austrittsneigung bei vielen da und wenn man nicht zwangsweise bezahlen muss, dann geht die Austrittsneigung bis gegen Null.

 

 

2. Die Bindung ist doch viel größer als wir denken

Nun geben in der Schweiz viele Leute als Grund für ihren Austritt auch an, dass sie nicht (mehr) glauben. Diese Antwort überzeugt: Wer nicht (mehr) glaubt, also den Kern der Kirche, den Glauben an Gott nicht (mehr) selber nachvollziehen kann, der handelt doch mit seinem Austritt durchaus konsequent.

Andererseits verdeutlichen Umfragen aber auch noch etwas anderes: Es bleiben viele Menschen in der Kirche, die von sich selber sagen, dass sie nicht (mehr) gläubig seien. Was für eine tolle Bindungskraft, denn viele bleiben trotzdem dabei.

 

Anlässlich einer Umfrage zum Weltgebetstag 2021 hat YouGov fast 2000 Menschen in Deutschland gefragt, ob sie sich selbst als „gläubig“ bezeichnen würden. Und obwohl nach wie vor deutlich über 50% der Menschen in Deutschland entweder einer christlichen, einer jüdischen oder einer muslimischen Religionsgemeinschaft angehören, haben „nur“ 38% der Menschen geantwortet, dass sie gläubig seien. Es sind mithin deutlich mehr Menschen Mitglieder einer Religionsgemeinschaft als Menschen, die sich selbst als gläubig bezeichnen[6].

 

Dies gilt übrigens auch für Mitglieder der evangelischen Kirche und durchaus für viele. Obwohl sie selber nicht an Gott glauben, sind sie Kirchenmitglieder. Umfragen kommen übereinstimmend auf einen Wert von rund 30% der evangelischen Christen, die die Frage verneinen, ob sie selbst an Gott glauben würden[7].

Summa: Der evangelischen Kirche gelingt es, mehr Menschen an sich zu binden als sich selbst als gläubig bekennen. Das ist wahrlich bemerkenswert. Ich will auch gar nicht darüber spekulieren, ob dies Personen sind, die keine Kirchensteuer (mehr) zahlen oder den Austritt nur „vergessen“ haben oder bewusst dabei bleiben, weil sie z.B. das diakonische Engagement der Kirche zu schätzen wissen und es durch ihre Mitgliedschaft unterstützen. Mir ist allein diese Wahrnehmung wichtig: Wir binden weitaus mehr Menschen als diejenigen, die sich selbst als gläubig bezeichnen.  

Und diese Selbstauskunft mag auch als Erinnerung dafür dienen, dass Glauben kein „Haben“ und kein „Sein“ ist, sondern ein „Werden“, ein „sich ereignen“, ein „Prozess“.  

 

3. Miteinander machen (lassen) ermöglichen

Und dieser Teil der Umfrage ist in jedem Fall auch bemerkenswert: 70% der evangelischen Kirchenmitglieder sagen also von sich selbst, dass sie an Gott glauben. Und immerhin 20% der Menschen, die gar nicht (mehr) Mitglied einer Kirche sind, sagen dies auch[8].

Wissen wir als haupt- und ehrenamtlich in unserer Kirche Tätigen dies? Gehen wir davon aus, dass dies so ist und verhalten wir uns auch so? Und wissen wir denn überhaupt voneinander, also auch die haupt- und ehrenamtlich Engagierten untereinander, wie dieser Satz jeweils gefüllt ist: Ja, ich glaube an Gott? Haben wir uns wechselseitig schon davon erzählt bzw. räumen wir uns wechselseitig überhaupt Möglichkeiten ein, davon zu erzählen?

Viele Kirchen und Kirchengemeinden beschäftigen sich gerade mit der Frage nach ihrem Auftrag, mit der Frage, wozu sie überhaupt da sind und häufig lautet die Antwort: Kirche hat die Aufgabe das Evangelium zu kommunizieren. Dem stimme ich gerne zu. Verstanden wird dies allerdings häufig so, dass bestimmte Leute einer Kirchengemeinde genau diese Kommunikation des Evangeliums sicherzustellen und konkret dann dieses Evangelium möglichst vielen Menschen zu „bringen“ hätten. Schon der „Erfinder“ dieses Wortes, der Theologe Ernst Lange, hat die Kommunikation des Evangeliums aber dezidiert als ein Auftrag der ganzen Gemeinde verstanden und nicht nur als Tätigkeitsbeschreibung einzelner Spezialist*innen[9]

Ich knüpfe daran an und nehme den Befund aus den Umfragen mit auf und frage, wie eine Gemeinde, eine Kirche denn aussehen würde, die sich als einen Raum versteht, in der möglichst viele Menschen, Kirchenmitglieder und Nichtmitglieder, sich eingeladen fühlen, sich ermutigt fühlen, genau dies in irgendeiner (!!!), jedenfalls in einer jeweils selbstgewählten Form zum Ausdruck bringen zu können: Ja, ich glaube an Gott? Und ja, da mögen viele ihre diskreten Wege schon längst und für sich auch völlig passend gewählt haben, z.B. eben sich nicht öffentlich, auch nicht in einer Gemeinde dazu zu äußern. Das ist völlig in Ordnung.  Da mag es aber auch Kirchenmitglieder und Nichtmitglieder geben, die gerne genau dabei mitentwickeln, mittun, mitdenken würden, sich in vielerlei Gestalt einbringen zu können mit den je eigenen Erfahrungen Gottes und des Glaubens. Und da kann man dann nur sagen: Miteinander machen lassen ermöglichen!

Es ginge dann also nicht mehr darum, dass einige wenige Personen anderen das Evangelium nahebringen. Vielmehr würde ein Raum entstehen, den alle (!) mit ihren je eigenen und gedeuteten Lebens- und Glaubens- und Gotteserfahrungen füllen könnten. Und dabei denke ich nicht nur an Worte, ans Reden, sondern auch an Handlungen, ans Tun.

Einige konkrete Möglichkeiten für erste Schritte werden uns aus Umfragen nahegelegt und nicht wenige Gemeinden leben das  ja auch schon in weiten Zügen.

So wurde in der schon zitierten Umfrage zum Weltgebetstag 2021 auch nach dem Gebetsverhalten gefragt und so lauteten die Antworten[10]:

 

34% der Menschen, die sich in der Umfrage als gläubig bezeichneten, gaben an, mindestens einmal an jedem Tag zu beten, insgesamt 60% sagten, dass sie mindestens mehrmals im Monat beten würden. Und auch dazu wieder meine Frage an uns haupt- und ehrenamtlich in der Kirche Tätige: Ist uns das bewusst? Gehen wir davon aus, dass so viele Menschen mit uns im Gemeinwesen leben, die eine, die ihre eigene aktive Gebetspraxis haben und leben? Macht das etwas mit uns, wenn wir das wissen: Meine Gesprächspartnerin, mein Gesprächspartner betet, betet oft und regelmäßig?  Und was wäre, wenn wir nicht zuletzt durch solche Umfragen ermutigt noch viel stärker darauf setzen würden, dass alle unsere (offenen) Kirchen und Gemeindehäuser Orte des Gebets, Orte einer Gebetswand, Orte für Gebetsanliegen bleiben oder werden würden? Nein, natürlich muss niemand dort beten, aber alle können, alle können sich einbringen, mittun, mitmachen…. Und auch da wieder wäre das Leitwort: Miteinander machen lassen ermöglichen!

Und gerade weil ich davon ausgehe, dass Kirche ein Teil des Gemeinwesens, ein Teil der Zivilgesellschaft, ein Teil des Sozialraums der jeweils dort lebenden Menschen ist, dann wäre dies doch ein besonders wichtiger Beitrag, dass es in diesem Sozialraum für jeden offene Orte des Gebets und des Erzählens von Gott und von Glaubenserfahrungen in allen Schattierungen auch des Zweifels und der Verzweiflung  und der Gottesferne gibt. Für mich wäre so „Gottesdienst im Alltag der Welt“ ganz neu denkbar: alle gestalten ihn auf ihre Art und Weise mit, er ist zeitunabhängig, er ereignet sich im Vorbeigehen. In Corona Zeiten kann man sich in vielen Kirchen und Gemeindehäusern etwas holen: Gebete und Predigten so toll in Tüten verpackt oder auf Wäscheleinen auch vor Kirchen aufgehängt zum Abnehmen und Mitnehmen. Wenn wir Corona einigermaßen überwunden haben, dann wäre es spannend zu fragen, ob man es auch umgekehrt machen kann: Menschen bringen ihre Erzählung, ihre Erfahrungen, ihre Gebete dorthin und hängen sie auf, teilen sie mit, namentlich oder anonym, innerhalb oder vielleicht doch auch außerhalb der Gebäude.

Und weiter: Bestimmte  Arten von „Gottesdienst im Alltag der Welt“ sind ja gar nicht an ein Kirchengebäude gebunden. Viele machen ja jetzt neue Erfahrungen mit „Räumen“ in der ganz realen digitalen Welt. Gerade dort wird vielfältig und von ganz vielen erzählt, werden freudige Ereignisse geteilt, Schicksalsschläge nicht nur berichtet, sondern vor allem von ganz vielen mitgetragen. Es ist eine neue Art des Marktplatzes längst entstanden. Menschen geben dort Anteil an ihrem Leben, vor allem an besonderen Erfahrungen ihres Lebens. Auf Twitter vor allem erlebe ich, dass dort sehr viele Erfahrungen des Lebens erzählt und von den betroffenen Menschen selbst hinterfragt und gedeutet werden. Da bildet sich dann spontan eine spannende Gemeinschaft derer, die erzählen und derer, die das lesen und in sich aufnehmen, mitten an jedem beliebigen Tag wie auf einem Marktplatz mitten im Dorf oder der Stadt. Davon, so glaube ich, kann man viel lernen: Menschen erzählen einfach! Menschen machen einfach! Auch und gerade auf solche Marktplätze sollten wir uns gerne begeben und hören und mitteilen und mittragen und durchtragen und beten nicht nur für, sondern vor allem mit den Menschen, Kirchenmitgliedern und Nichtmitgliedern.  Kirche mitten in der Welt, auf den Marktplätzen des Lebens, dort gehört sie hin, dort findet sie statt, die Kommunikation des Evangeliums von vielen getragen und gespeist.

 

Steffen Bauer, im März 2021 

 

[1] In „Ermöglichen. Kirche im Jahr 2030“ habe ich mir erlaubt vor allem ab Seite 83ff auf kurzschlüssige Reaktionen auf die Freiburger Studie hinzuweisen.

[2] Die Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2019: https://kirchenstatistik.spi-sg.ch/kirchenaustritte/

[3] Die Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2018: https://de.wikipedia.org/wiki/Religionen_in_der_Schweiz

[4] https://kirchenstatistik.spi-sg.ch/kirchenaustritte/#close

[5] https://www.diepresse.com/1308933/its-the-economy-stupid-ein-spruch-macht-geschichte: „Es ist die Wirtschaft, Dummkopf“

[6] https://yougov.de/news/2021/03/03/umfrage-zum-weltgebetstag-jeder-funfte-deutsche-ha/

[7] https://fowid.de/meldung/christlicher-glaube-deutschland-2019 und https://www.infratest-dimap.de/umfragen-analysen/bundesweit/umfragen/aktuell/kirche-und-glaube/

[8] https://fowid.de/meldung/christlicher-glaube-deutschland-2019

[9] Vergl. „Ermöglichen“, Seite 11f

[10] https://yougov.de/news/2021/03/03/umfrage-zum-weltgebetstag-jeder-funfte-deutsche-ha/