Vor gut einem Jahr habe ich in „Ermöglichen. Kirche im Jahr 2030“ versucht, mein Bild von einer Kirche der Zukunft zu zeichnen. Auf den dort skizzierten Grundlinien baue ich auf.

Nach wie vor glaube ich, dass die dort beschriebene „Kirche als Erzählgemeinschaft“ und der Ausbau einer Ermöglichungskultur hilfreich sind, um den Auftrag der Kirche in die Mitte kirchlichen Handelns zu stellen und deren Organisationsstruktur gut weiter zu entwickeln.

Aus vielen Gesprächen und Rückmeldungen hat sich für mich vor allem eine Frage neu gestellt: Was passiert eigentlich, wenn man Kirchenentwicklung in einem zeitlich weiteren Horizont denkt? Stellen sich Veränderungsdynamiken dann nicht noch einmal ganz anders dar?

Und tatsächlich werden die Notwendigkeit zur Transformation und ihre Tiefe noch größer, wenn man das Jahr 2030 denkerisch überschreitet. In 50 Thesen und 3 Anmerkungen versuche ich nun, Kirche in einem Horizont über das Jahr 2030 hinaus zu denken.    

Mit den Thesen springe ich dazu einfach in diese Zukunft hinein (in eine Zeit nach 2030) und beschreibe von dort aus, wie Kirche aussieht, wenn sie gelernt hat, einen grundlegenden Perspektivwechsel umzusetzen: theologisch, personell, organisational.

 

In zwei Anmerkungen erläutere ich anschließend noch die für mich zentralen Begriffe „Priestertum aller Getauften“ und „Kommunikation des Evangeliums“. Dazu füge ich als dritte Anmerkung einige Statistiken bei,  die die gesellschaftlichen Veränderungen markieren und aus denen ich u.a. meine Einschätzungen der weiteren Entwicklung ableite. 

 

Meine Thesen sollen Anstöße geben. Ein fertiges Bild kann es nicht sein, aber es sind Puzzleteile, Fragmente, die durchaus zusammengehören. 

Über Rückmeldungen freue ich mich unter:      Steffen.Bauer@ekhn.de

Steffen Bauer im Mai 2021

 


Der grundlegende Perspektivwechsel „Aus der Zukunft der Kirche“:


1.) Die „vielleicht kühnste theologische Idee“ Martin Luthers lebt als eine „kopernikanische Wende in der Geschichte religiöser Organisationsvorstellungen“ (Thomas Kaufmann): das Priestertum aller Getauften.
2.) Die Getauften sind Kirche (und keine Objekte kirchlichen Handelns, als welche sie in § 3.1 des Kirchenmitgliedschaftsrechts der EKD aus dem Jahr 1976 beschrieben werden).
3.) Alle Getauften leben, handeln, feiern und erzählen als Teil von Kirche und damit als Subjekte kirchlichen Handelns an allen Orten, zu allen Zeiten, mit jedem Kommunikationsmedium ihren Glauben so, wie Gott und Glaube in ihren Erfahrungswelten aufleuchten.
4.) Genauso entspricht Kirche dem gegenwärtigen Zeitalter der Spätmoderne (Andreas Reckwitz) und lebt ihre Aufgabe, resonante Beziehungen als Grundlage einer guten Weltbeziehung (Hartmut Rosa) zu ermöglichen.
5.) In der Kirche leben neue Formen der Partizipation des Mitredens, des Mitbestimmens, des Mittuns und des Mitfeierns.
6.) So machen die Getauften wechselseitig Ernst mit der Erkenntnis, dass 85% der ev. Kirchenmitglieder an einen Gott bzw. ein höheres Wesen glauben, dass 28% mehrfach die Woche bis täglich beten, 43% insgesamt mehrfach im Monat und z.B. 78% der ev. Kirchenmitglieder der Aussage ganz oder eher zustimmen: „Wenn ich danach gefragt werden, kann ich über meinen Glauben Auskunft geben“ (alle Prozentzahlen entstammen der letzten Untersuchung über die Kirchenmitgliedschaft aus dem Jahr 2012).
7.) Dabei steht die Kirche mit ihren Priester*innen der Welt nicht gegenüber, sondern alle stehen tatkräftig handelnd, lebend und feiernd, betend und singend, erzählend und hörend mitten in der Welt.


Mut zur Transformation auf allen Ebenen


8.) Es gab frühzeitig den Mut, die Transformationsprozesse der Kirche über das Jahr 2030 hinauszudenken.
9.) Der Rückgang der Kirchenmitgliederzahlen schritt in den zwanziger Jahren schneller voran als die Freiburger Studie angenommen hatte und begann schon ab 2018.
10,) Die meisten Kirchenmitglieder fühlten sich ihrer Landeskirche nur „etwas“, „kaum“ bis „überhaupt nicht“ verbunden (72,5%). Eine Strukturveränderung auf dieser Ebene war für die meisten Kirchenmitglieder nicht relevant.
11.) Darum gibt es 2040 statt 20 „nur“ noch 10 Landeskirchen in der EKD. Württemberg und Baden warten nicht mehr auf den „Jüngsten Tag“, um sich dann auch
„erst am Nachmittag zusammenzuschließen“ (Ulrich Fischer). Die Kirche „Rhein-Hessen“ besteht aus EKKW und EKHN, die Rheinländer sind mit den Pfälzern zusammen und die Kirchen der Konföderation in Niedersachsen sind auch eins geworden.
12.) Von dieser Annahme für 2040 ausgehend veränderte sich der Denkhorizont und das Handeln der Landeskirchen (und der EKD) schnell. Verwaltungen (mit all ihrer Hard- und Software), Fachstellen, Einrichtungen wurden zusammengedacht und nach und nach zusammengebracht, Systemunterschiede verschwanden langsam, nach und nach.
13.) So wurde auch deutlich, dass die Transformation alle Ebenen der Kirche betreffen würde, nicht nur die Kirchengemeinden und Dekanate bzw. Kirchenkreise.
14.) Das (religiöse) Leben wurde dabei von den Menschen in den Sozial- und Lebensräumen vor Ort (in der Region) entschieden. Sie hatten und haben Kirche zu gestalten, nicht die Landeskirchen zentral!
15.) Auch deswegen haben die Kirchenmitglieder von diesen zentralen Zusammenschlüssen (der Organisation) nicht viel bemerkt. Für sie selbst waren und sind ganz anderen Dynamiken bestimmend.


Gemeinwesenorientierung ist selbstverständlich


16.) Das Priestertum aller Getauften versteht die Kirchenmitglieder als die Subjekte von Kirchen. Als solche bestimmen alle Kirchenmitglieder was die Kirche zu tun hat. Dann steht laut Befragung das hier im Vordergrund: Arme, Kranke und Bedürftige betreuen (83% sagen dies und zudem 60% der Konfessionslosen) und sich um Probleme von Menschen in sozialen Notlagen kümmern (82% und 56% der Konfessionslosen).
17.) Auch Gottesdienste feiern (79%), für Werte eintreten (77%), Raum für Gebet, Stille und persönliche Begegnung sein (75%), die christliche Botschaft verkünden (74%) und Gelegenheiten für gesellige Begegnung bieten (72%) werden oft genannt und all dies soll also sein. Aber trotzdem: An erster Stelle stehen Arme, Kranke, Bedürftige und Menschen in sozialen Notlagen.
18.) Die Kirchenmitglieder sind laut ihren eigenen Aussagen also gemeinwesenorientiert unterwegs.
19.) Mit diesen Aufgaben, mit diesen Schwerpunktsetzungen lebt Kirche im Gemeinwesen. So ist sie erkennbar, wirksam, achtsam gemeinsam mit und als Teil der Zivilgesellschaft unterwegs.
20.) „Diakonie ist Lebens- und Wesensäußerung von Kirche“. Diesem Satz des Leitbildes der Diakonie folgen die Kirchenmitglieder (und selbst die Mehrheit der Konfessionslosen) mit ihren Erwartungen. Dieser Grundsatz ist auf allen Ebenen von Kirche und ihrer Diakonie, auch bei der Mittelzuweisung, zu stärken, wenn man sich in Transformationsprozessen an den Mitgliedern von Kirche orientiert.
21.) Für die Feier der Gottesdienste will noch mehr beachtet sein: Alles, was sich einer rein binnenkirchlichen Logik verdankt (der „normale“ Sonntags-Gottesdienst) wird tendenziell weniger besucht, tritt aber eine „familiäre bzw. biografiebezogene Logik hinzu“, kommt es zu einer regeren Teilnahme (Christian Grethlein). Das Priestertum aller Getauften drückt sich eigentlich deutlich aus.


Den Wandel des Gesellschaft ernstgenommen


22.) Das Priestertum aller Getauften gewinnt für die Kommunikation des Evangeliums deutlich an Bedeutung. Gleichzeitig ist das Ende der Kirchenorganisation mit den uns vertrauten Formen der Kirchenmitgliedschaft, der Kirchensteuer, des Beamtentums der Pfarrpersonen usw. längst eingeläutet.
23.) Unsere Gesellschaft befindet sich schon lange in einem rasanten Wandel. Der Digitalisierung kommt dabei eine besondere Rolle zu. „Social Media“ gehört zum Leben dazu: Die 7 größten Kanäle hatten Anfang 2021 in Deutschland 130 Millionen monatliche und davon 30 Millionen täglich (mehrfach)nutzende Personen. Die Zahlen insgesamt wachsen und verteilen sich auf mehr Kanäle, die schneller „auf- und verblühen“. Dort ist die „Gesellschaft der Singularitäten“ (Andreas Reckwitz) besonders spürbar. Gleichzeitig entstehen dort auch neue Formen der Gemeinschaft, der Bindung, der Beteiligung und der Einflussnahme. Sie werden schnell immer weiter an Bedeutung gewinnen.
24.) Neben dem Ortsbezug werden also immer mehr Menschen noch viel stärker durch ein von der Geographie unabhängiges digitales Raumempfinden von sozialer Gemeinschaft (von Gleichgesinnten?) geprägt.
25.) Erzählte Glaubenserfahrungen der Menschen, ja, eine Religionsproduktivität sind im Internet vielfältig wahrnehmbar. Menschen erzählen existentielle Erlebnisse, stellen kritische Sinnfragen und eröffnen die Möglichkeit zu letztlich unverfügbaren Resonanzbeziehungen (Hartmut Rosa) sogar über Zeiten und Orte hinweg. Dabei ist die Kommunikation des Evangeliums in „Social Media“ überhaupt nicht mehr wegen der Autorität eines Amtes, sondern durch authentisches Reden, Hören und Handeln interessant.
26.) Für die Organisation „Kirche“ stellt diese Entwicklung alle Zugehörigkeits-, Bindungs- und Gemeinschaftsmodelle und damit verbunden endgültig das Parochial-, aber auch das Differenzierungsmodell in Frage. Klassische Rollenzuschreibungen und „Autoritäten“ verlieren ebenso an Bedeutung wie „Institution“ und „Organisation“ im bisherigen Sinne. Die Grenze zwischen (beauftragter) öffentlicher Wortverkündigung und der Kommunikation des Evangeliums durch das Priestertum aller Getauften und auch der Nicht-Getauften verschwindet.

Kirche hat verstanden


27.) Der sich seit Jahren beschleunigende Rückgang an Mitgliedern war und ist Abbild der dynamischen Differenzierungsprozesse in Kultur und Gesellschaft. Diese Megatrends lassen sich durch Kampagnen einer Organisation weder stoppen noch verlangsamen. Bewegungen werden (zeitweise) größer, Institutionen werden kleiner. In einer Gesellschaft, in der immer weniger Menschen sich in einer christlichen Kirche beheimaten, sind sowohl die Kirchensteuer wie auch alle „besonderen“ Rechte der Kirche immer mehr unter Druck geraten. Dies betraf z.B. auch den konfessionellen RU.
28.) Kirche musste und konnte in den zwanziger Jahren noch gut umsteuern. Noch hatte sie viele Möglichkeiten und Ressourcen. Entscheidender Erfolgsfaktor war der Mut, diese Entwicklungen klar zu benennen.
29.) Dabei griff die sogenannte „Mitgliederorientierung“ aber zu kurz. Dieser Begriff verharrte in der Vorstellung, als gäbe es „die Kirche“ im Gegenüber zu ihren Mitgliedern. Und damit wurden diese doch wieder „nur“ als Objekte kirchlichen Handelns begriffen. Die Mitglieder der Kirche sind aber die Kirche. Sie sind das Priestertum aller Getauften. Sie repräsentieren Kirche nicht nur in Social Media. Sie sind die tragenden Säulen für die „Kommunikation des Evangeliums“ generell.
30.) Diese Erkenntnis musste sich auch in der Theologie, speziell in der Lehre von der Kirche und in der Praktischen Theologie endlich durchsetzen. In den Veröffentlichungen wurde das „Priestertum aller Getauften“ meist nur kurz erwähnt, bevor dann vor allem das ordinierte Amtsverständnis breit erläutert wurde. Dieses Verhältnis musste sich umkehren. Die organisierte Kirche und auch die beruflich Tätigen mussten beginnen, sich als „Assistenzsystem“ (Christian Grethlein) für das Priestertum aller Getauften und damit für die Kommunikation des Evangeliums zu verstehen.
31.) Diese Erkenntnis musste sich auch in den Kirchenleitungen und Synoden durchsetzen. „Die Organisation hat der Erfüllung der Aufgaben und den Menschen zu dienen“ und damit die „Strukturfixierung“ hinter sich zu lassen (PuK-Prozess, Bayern). Im Mittelpunkt stehen also alle Menschen im Sozialraum und im digitalen Raum. Kirche erfüllt ihren Auftrag, indem sie die Kommunikation des Evangeliums durch das Priestertum aller Getauften vielfältig lebt.


Die Kommunikation des Evangeliums (=KdE)


32.) „Die Kommunikation des Evangeliums ist das theologische Zentrum des Christentums“ (Ingolf U. Dalferth).
33.) Die Vorstellung vom Priestertum aller Getauften geht davon aus, dass alle Getauften zur KdE befähigt und beauftragt sind. Dadurch wird diese Kommunikation zu einem sich in vielfältigen Gestalten zeigenden Geschehen mitten in der Welt. In der digitalen Welt ist das jenseits jeglicher Beauftragung ganz stark wahrnehmbar.
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34.) Wie diese Kommunikation konkret gestaltet wird, entscheiden die Kirchenmitglieder vor Ort. Dabei prägen auch die Belange des jeweils eigenen Sozialraums, die Erfahrung der individuellen Lebenswelt und die ortsübergreifende Weite des immer wichtiger werdenden digitalen Raums.
35.) Die Familie bleibt der elementare Kommunikationsraum, Kita und Schulen sind daneben nach wie vor bedeutsame Lebensräume für Heranwachsende (Christian Grethlein). In diesen Räumen entwickeln sich biografisch frühzeitig wichtige Resonanzen (Hartmut Rosa). Durch sie können Formen der KdE als für das ganze Leben prägend erlebt und eingeübt werden.
36.) Die KdE findet auch nach Aussage der Kirchenmitglieder vor allem im diakonischen Handeln statt. Die Zuwendung zum Nächsten ist ein unaufgebbares Wesensmerkmal des christlichen Glaubens.
37.) Die KdE vollzieht sich auch im gemeinsamen Feiern von Gottesdiensten, im Beten, im Segnen, im Musizieren… In der Zukunft wird dies viel stärker an öffentlichen und digitalen Orten und zu völlig unterschiedlichen Zeiten auch zusammen mit Vereinen, Netzwerken, Gemeinschaften und stärker ausgerichtet an Lebensbiografien praktiziert.
38.) Die KdE bildet sich selbstverständlich in digitalen und analogen Gottesdiensten ab. Das Priestertum aller Getauften will z.B. in Glaubens-Erzählungen und Gebetsanliegen erlebbar sein.


Die Organisation der Kirche


39.) Auf den fortschreitenden Umbruch der äußeren Rahmenbedingungen hat sich die Organisation Kirche eingestellt und frühzeitig den Übergang vorbereitet.
40.) Seit dem Wegfall der Kirchensteuer sind die Kirchenaustrittszahlen deutlich zurückgegangen. Viele Menschen (auch Nicht-Kirchenmitglieder) zahlen die in Deutschland seither verbindlich eingeführte Kultursteuer à la Italien zugunsten der Kirche.
41.) Daneben ist die Kirche vorwiegend auf Spenden, Kollekten und freiwillige Mitgliedsbeiträge angewiesen. Gelernt wurde, wie sehr nur der unmittelbare und transparente Bezug von Gebenden, Gabe und Verwendung Finanzkraft sichert.
42.) Schon als die erste Phase des Absenkens der Kirchensteuer begonnen hat, haben die Landeskirchen keine beamtenähnliche Arbeitsverhältnisse mehr begründet.
43.) Es gibt noch 10 Landeskirchen; die Ebene der Gesamtkirche ist nur für die landeskirchenübergreifenden Anliegen und die Ressourcenverteilung innerhalb der Landeskirche zuständig.
44.) Die Dekanate verfügen schon lange selbstständig über ihr jeweiliges Budget. Alle hauptamtlichen Mitarbeitenden sind auf dieser Ebene angestellt.
45.) Geschäftsführungen führen die operative Verwaltungsarbeit aus und unterstützen die nach wie vor ehren- und hauptamtlich besetzten Organe in ihren (strategischen) Leitungsaufgaben, und zwar sowohl auf Dekanatsebene wie auch in den Nachbarschaftsräumen mit ihren Kirchengemeinden.
46.) Die Nachbarschaftsräume richten sich nach den Sozialräumen der Menschen.
47.) Die KdE aller Getauften zu stärken, die als Gemeindeglieder in der Gemeinde leben oder sie als freiwillig oder beruflich Tätige aktiv mitgestalten, ist als Hauptaufgabe der Organisation längst begriffen worden. Der Perspektivwechsel besteht in der Einsicht: „Kirche agiert als Assistenzsystem für Menschen bei der Bewältigung ihres Lebens in unterschiedlichen Sozialformen“ (Christian Grethlein).
48.) Die Kirche hat die KdE im Rahmen der Möglichkeiten auch in der digitalen Welt gestärkt. Sie ermutigt und befähigt ihre Kirchenmitglieder, sich auch und gerade in dieser Lebenswelt einzubringen.
49.) Als Fundament der KdE haben sich besonders die drei Kommunikationsformen des Erzählens, des Betens und des Segnens erwiesen. Von ihnen her werden Resonanzen ermöglicht und verwirklicht.
50.) Vor allem diese drei Formen führen hinein in das Geheimnis des Glaubens. Dieser Glaube eint auch in der Zukunft das lebendige Priestertum aller Getauften in der Hoffnung, dass Menschen ihr alltägliches Leben im Licht des Wortes Gott neu verstehen und als wertvoll erachten.
Steffen Bauer, im Mai 2021

 

Anmerkungen zum Schluss


1.) Das „Priestertums aller Getauften“ in der Theologie

 

Der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann schreibt in der FAZ am 27.10.2013 zum Priestertum aller Getauften u.a.:
„Diese Idee bedeutet den vielleicht grundstürzendsten Umbruch im Verständnis der Kirche. (…) Durch die Taufe hat Gott nach Luther jeden Christen in gleicher Weise ´geweiht´ und qualifiziert: Diese egalistische Tendenz stellt eine kopernikanische Wende in der Geschichte religiöser Organisationsvorstellungen dar (...) Das Priestertum aller Gläubigen steht für eine egalitäre und partizipatorische Religion, die allen Menschen beiderlei Geschlechts gleiche Rechte eröffnet und „denProfessionellen Grenzen steckt….“
Die Realität aber sieht aber deutlich anders aus.
Im neu erschienenen Lehrwerk „Praktische Theologie“ von Isolde Karle kommt das Stichwort „Priestertum aller Getauften, Gläubigen“ auf über 600 Seiten Text ganze achtmal vor und dann auch noch vorwiegend in dem Kapitel mit der Überschrift: „Der Pfarrberuf in der Moderne“. Dieser Befund ist symptomatisch. Das Priestertum aller Getauften hat in der Praktischen Theologie keine eigene Gestaltungskraft, sondern wird häufig als (kleiner) Teil der Pastoraltheologie verhandelt.
Während einer Konsultation der Bayrischen Landeskirche zum Thema des „Berufsbild Pfarrerin, Pfarrer“ beschrieb Wolfgang Schoberth dies mit folgenden Worten:
„Das Amt der Pfarrerin / des Pfarrers kann in der reformatorischen Tradition nur als abgeleitet vom allgemeinen Amt aller Christinnen und Christen, genauer: der Gemeinde verstanden werden. Ein Großteil der Probleme, vor die sich die Volkskirche heute gestellt sieht, resultiert daraus, dass eben dieses allgemeine Amt der Gemeinde vernachlässigt wurde. Wird die Wahrnehmung der Evangeliumsverkündigung auf Pfarrerinnen und Pfarrer beschränkt, ist deren Überforderung unvermeidlich. Der Rückgang einer Familienkatechese, die Zurückhaltung im Gespräch über den Glauben etc. tragen mehr zum sog. `Traditionsabbruch´ bei als makro-soziologische Veränderungen. Das reformatorische Amtsverständnis ist hier realistischer und theologisch klüger zugleich: Die Evangeliumsverkündigung ist die Aufgabe der ganzen Gemeinde – das eigentliche und gemeinsame Amt –, innerhalb dessen das ordinierte Amt seine besondere Funktion hat.“1
Völlig zu Recht markiert aus meiner Sicht Christian Mulia in seiner beeindruckenden Untersuchung „Kirchenvorstandsarbeit. Dimensionen und Spannungsfelder einer spätmodernen Gemeindeleitung“ gleich zu Beginn eine Problemanzeige mit der Überschrift:
1 Schoberth, Wolfgang: Unterwegs zu einem gemeindeorientierten Amtsverständnis: Das „Amt der Einheit“, in: Rothernburger Impulse. Wissenschaftliche Konsultation im Rahmen des Prozesses „Berufsbild: Pfarrerin, Pfarrer“, München 2015, 23-27
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„Pfarrerzentrierung und die Unbestimmtheit des Allgemeinen Priestertums“ (besser Jahresangabe und nur die Seitenzahl,33).
Hans Martin Barth spricht vom „Allgemeinen Priestertum“ als eine mittlerweile „vergessene Einsicht der Reformation“.2 Sabrina Müller betont zu Recht: „Wird das Allgemeine Priestertum thematisiert, geschieht dies meist im Zusammenhang von Rechten und Pflichten im Vergleich mit dem ordinierten Amt“.3 Ihre Untersuchung versucht nun aber gerade von der von ihr so bezeichneten „Gelebten Theologie“ des Allgemeinen Priestertums auszugehen und deutliche Impulse zu einer Stärkung und Unterstützung genau dieser Art der Theologie zu geben. Dabei bezieht sie ausdrücklich soziale, digitale, religiöse Netzwerkphänomene mit ein.
In den Thesen schließe ich mich selbst immer wieder Christian Grethlein, ehemals Praktischer Theologe in Münster, an. Er hat in seiner „Praktischen Theologie“ mit dem Leitmotiv „Kommunikation des Evangeliums“ nicht die Ämterfrage und Frage einer speziellen Beauftragung in die Mitte gestellt, sondern die Frage, in welchen Sozialformen durch welche Tätigkeiten und mit welchen Methoden diese Kommunikation des Evangeliums heute und zukünftig erfolgt. Dadurch stehen automatisch alle Kirchenmitglieder, ja, alle Getauften (von denen nicht mehr alle Mitglieder einer Kirche sind) als Subjekte im Blickpunkt. Dabei nehme ich die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung als Selbstauskunft dieser Subjekte sehr ernst. Kirchenmitglieder sind dann nämlich keine Objekte kirchlichen Handelns, sie sind Subjekte, sie sind (sichtbare) Kirche.


2.) Zur „Kommunikation des Evangeliums“


Mit Ingolf U. Dalferth verstehe ich „Kommunikation des Evangeliums“ (KdE) in drei Formen, die zu unterscheiden sind:
 Die KdE als Kommunikation, die Menschen vollziehen (=Gen. objectivus), d.h. Menschen reden und leben und handeln so vom Evangelium, das andere dies bemerken. Ob im Gebet oder in Nächstenliebe oder in Erzählungen, das Evangelium und seine Bedeutung für mein Leben und mein Verständnis dieser Welt wird deutlich.
 Die KdF als Selbstkommunikation des Evangeliums, die Gottes Geist zuzuschreiben ist (=Gen. subjectivus); d.h. Menschen kommen zum Glauben, weil Gottes Geist als Subjekt diesen Glauben wirkt. Gott selbst teilt sich mit und ohne diese Selbstmitteilung entstünde kein Gaube.
 Die KdF als „die Selbstkommunikation des Evangeliums, in der Menschen so wirken, dass Gottes Wort und Geist zum Zug kommen können“, d.h. als Kirche setzen wir und vertrauen darauf, dass auch durch liturgisches Handeln, aber auch im direkten
2 Hans Martin Barth: Einander Priester sein. Allgemeines Priestertum in ökumenischer Weite“, Göttingern 1990, Seite 15
3 Sabrina Müller: Gelebte Theologie. Impulse für eine Pastoraltheologie des Empowerments, Zürich 2019, Seite 10
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persönlichen Tun und Umgang sich Leben (!) vor und mit Gott neu auslegt und neu begreifen lässt.4